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Mindestlohn?

Mindestlohn war das Thema der Anne Will Talkrunde am 2. November und wie könnte es anders sein, auch Friseure kamen zu Wort.
Die Kritiker bescheinigten der Sendung ein eher mittelmäßiges Niveau. Scheinbar hatte Frau Will keine Lust auf dieses Thema, so die Kritik.
Innerhalb der CDU / FDP Koalition war dieses Thema bisher Tabu. Inzwischen spricht man aber von einer „Lohnuntergrenze“. Arbeitgeber und Gewerkschaften sollen diese aushandeln, der Staat mischt sich nicht ein. Vorbild soll die Zeitarbeit sein, bei der der Mindestlohn zwischen 6,89 Euro (Ost) und 7,79 Euro (West) liegt.

Ulf Poschardt, stellvertretender Chefredakteur der „Welt“, gab zu bedenken:, höherer Mindestlohn bedingt höhere Preise, die nicht jeder bezahlen kann. „Was machen Sie mit Personen, die jeden Cent zweimal umdrehen müssen?“, fragte er in die Runde und meinte „Ein Mindestlohn führt letztlich nur zu mehr Schwarzarbeit“.
Heiner Geißler (CDU) sah es anders: „Ein Mindestlohn würde die ‚Schmutzkonkurrenz‘ an Billigfirmen beseitigen, die aufgrund niedriger Preise ,niedrige Gehälter zahlen.“ Ein Satz der besonders die Friseurbranche aufhorchen lassen dürfte. Tummeln sich hier doch etliche Billiganbieter, nicht wenige davon mit dubiosen Methoden, auch außerhalb der Legalität.
Sybille Hain, Inhaberin eines Friseursalons in Thüringen und gleichzeitig Landesinnungsmeisterin zeigte, welch drastische Auswirkungen ein Mindestlohn für die gesamte deutsche Wirtschaft haben kann. Im Schnitt verdienen ihre Mitarbeiterinnen unter sieben Euro, bekommen jedoch sehr viel Trinkgeld dazu. Würde der Mindestlohn kommen, so müsste Frau Hain nach eigener Aussage leistungsschwachen Mitarbeitern kündigen. Ein massiver Verlust an Arbeitsplätzen wäre bei Einführung des Mindestlohns auch in anderen Branchen der Fall.
Persönlich sehe ich das wie folgt:
Hier in NRW (wo ich lebe und arbeite) haben wir seit Jahren eine Art Mindestlohn in Form von allgemeingültigen Tarifverträgen. Die unterste Lohngruppe liegt bei 1.313,- €uro / Monat, was bei 171 Arbeitsstunden im Monat einen Stundenlohn von 7,68 € ausmacht. Darunter dürfte – so die Gesetzeslage – niemand entlohnt werden.
Die Praxis sieht anders aus:
• statt 171 Stunden werden Friseurinnen nur 80 oder 100 Stunden beschäftigt.
• Probearbeit, selbst über Wochen, wird nicht entlohnt.
• Der gesetzlich vorgeschriebene Meisterzwang wird unterlaufen.
• Jungfriseurinnen fungieren als Salonleitung, für Minigehälter.
• Mitarbeiter werden einfach in eine kostengünstigere Lohngruppe eingeordnet.
Wer also auf Kosten der Mitarbeiter für Dumpingpreise sorgen will, wird immer einen Weg finden, mit oder ohne Mindestlohn!
Sybille Hain, Friseurunternehmerin und gleichzeitig Landesinnungsmeisterin sieht in der geringen Produktivität von leistungsschwachen Mitarbeitern ein generelles Problem, diese leisten zu wenig, um einen höheren Lohn zu rechtfertigen.
Da ist was dran – betrifft aber viele Branchen. Im Friseurhandwerk muss eine Friseurin das Drei - bis Vierfache ihres Bruttolohnes erwirtschaften um rentabel zu sein. Eine Realität, die selbst guten – und nicht nur leistungsschwachen Mitarbeitern – schwer fällt.
Die drastische Zunahme der Friseursalons in den letzten Jahren war politisch gewollt um die Arbeitsmarktzahlen zu schönen. Ausbaden müssen das jetzt die Handwerker ,die sich plötzlich im massivsten Verdrängungswettbewerb befinden.
Eine Zunahme von deutlich mehr als 10% der Betriebsstätten ,bei gleichzeitig sinkenden Bevölkerungszahlen ,bedeutet auch: für jeden Salon weniger Kunden – weniger Umsatz!
Gelockt werden die Kunden vorwiegend durch einen niedrigen Preis, das entspricht dem Zeitgeist, Geiz ist schließlich Geil. Es muss (will) jeder sparen!
Die Nase vorn haben nicht immer die Besten, auch nicht die Ehrlichsten.
Selber nahm ich kürzlich an einer Diskussion innerhalb der SPD teil, die mich als Unternehmer eingeladen hatte, Es ging um Wirtschaft und Mittelstand.
Auf die Frage was bei mir im Salon ein Männerschnitt kosten würde, kam dann prompt die nächste Fragestellung: „Also sind Sie 8,- €uro teurer als meine Friseurkette wo ich immer hingehe. Aber sagen Sie mal: warum soll ich Ihnen ein neues Auto oder sonst irgendwas finanzieren?“
Was beweist: unsere Schulbildung hat (zumindest hier) große Lücken. Der Normalbürger versteht schon lange nicht mehr, warum der Friseur keine 70% Rabatt geben kann oder wie Preise zustande kommen.
Aber auch das scheint mir politischer Wille zu sein. Seitdem die Politik Mitte der 90er Jahre verlauten lies: wir brauchen keinen Mittelstand – wir brauchen die multinationalen Konzerne, dort liegt die Zukunft unseres Landes. Meiner persönlichen Einschätzung nach eine düstere Zukunft, aber auch das hat man in Berlin noch nicht begriffen.
Fakt ist:
Ein Unternehmer müsste theoretisch vom Gewinn seines Geschäftes eine Familie ernähren können. Im Friseurhandwerk ist das bei Familienbetrieben immer seltener der Fall.
Discounter hingegen haben eine Vielzahl von Geschäften, wobei jedes zum Gewinn beiträgt. Sonderkonditionen mit Lieferanten, deutlich preiswertere Materialien, steuerliche Abschreibungsmöglichkeiten, zentrale Verwaltung, all das sind weitere Möglichkeiten, um noch mehr Kosten zu sparen, noch billigere Preise zu bieten und dem Familienbetrieb den Todesstoß zu versetzen.
Niedriglohn?
Ja, aber auch für Unternehmer und Selbstständige.
Ja, wenn auch andere ethisch und moralisch bedenkliche Praktiken unterbunden werden.
Davon gibt es viele, auch politisch gebilligt, wohin das führt erleben wir gerade Weltweit.
Hier mal zum Beispiel Nokia:
2008 wurde das mit 88 Millionen Euro Fördergeldern entstandene Werk in Bochum geschlossen. 2.000 Menschen verloren den Arbeitsplatz. Neue Fördergelder und geringere Lohnkosten in Rumänien führten zu dieser Entscheidung, trotz des Rekordgewinns von 7,2 Milliarden Euro im Jahr zuvor. Heute, drei Jahre weiter, gibt NOKIA bekannt, das Werk in Jucu, Rumänien wird geschlossen, 2.200 Menschen verlieren ihren Job. Die Produktion in Asien ist billiger… und Fördergelder gibt es auch!

Tausende Friseurunternehmen arbeiten ehrlich, fachlich gut und haben den Menschen im Focus, erst der Mensch, dann das Geld! Schade dass man davon nur noch bedingt gut Leben kann.
Das aber ist nicht Sache des Mindestlohns, sondern auch ein gesellschaftliches Problem -
und das wiederum Folge politischer (Fehl)Entscheidungen.
Wer multinationale Börsenkurse und Geld als Maßstab nimmt und die Menschen an der Basis vergisst …. ab hier sollte jeder selber weiterdenken!

Rene Krombholz